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Das Reserve-Lazarett Lingen im Ersten Weltkrieg

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von Dr. Mirko Crabus

Bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gibt es 1910 erste Überlegungen für ein Lazarett in Lingen, das im Kriegsfall im Bonifatius-Hospital errichtet werden könnte. Doch erteilt der Vorstand des Hospitals diesem Ansinnen eine Absage. Unter dem Eindruck der politischen Entwicklungen ist diese reservierte Position allerdings nicht lange haltbar. Am 1. August 1914 erklärt Deutschland zunächst Russland, am 3. August Frankreich den Krieg. Nur einen Monat später erreicht am 4. September der erste Verwundetentransport Lingen. Es sind 52 leicht verwundete deutsche Soldaten, die je zur Hälfte im Krankenhaus und in dem vom Vaterländischen Frauenverein und vom Roten Kreuz als Lazarett eingerichteten Gesellenhaus einquartiert werden.


R E S E R V E L A Z A R E T T   I M   G R O ß E N   S A A L   D E R   W I L H E L M S H Ö H E 

Nur zwei Tage später erreichten verwundete belgische Kriegsgefangene die Stadt. Untergebracht wurden sie in einer dritten Abteilung des Reservelazaretts, die im großen Saal der Restauration auf der Wilhelmshöhe eingerichtet worden war. In den dortigen Parkanlagen waren zusätzlich Baracken für die Verwundeten aufgebaut worden. Die Ankunft der Gefangenen stieß bei den Lingenern auf großes Interesse. Einige durchbrachen die Einfriedungen und begrüßten die feindlichen Gefangenen mit dem Schwenken von Tüchern. Der Bürgermeister Meyer verurteilte dieses „unwürdige“ Verhalten gegenüber dem Feind später scharf und drohte im Wiederholungsfall gar den Einsatz von Waffen an. Das Betreten der Wilhelmshöhe – jenseits einer für den Publikumsverkehr freigegebenen umzäunten Fläche – war fortan offiziell verboten. Auch der Kontakt zu den Verwundeten und Gefangenen wurde strengstens untersagt. Der Betrieb des Restaurants Wilhelmshöhe lief unterdessen, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, weiter, wie sich der Betreiber Heinrich Lobenberg nun beeilte zu verkünden.


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Bald starben in den Lazaretten die ersten Soldaten. Der erste war Anfang Oktober der Musketier Bernhard Schröer aus Schale. Er wurde mit militärischen Ehren aus der Stadt geleitet und in seine Heimat überführt. Bis zum Ende des Monats stieg die Zahl der Toten mit dem Musketier Jacob Hilfrich und dem Monteur Gregor Wällisch auf drei. Im November verstarben vier weitere Soldaten, nämlich Heinrich Müllers aus Rheydt, Theodor Erwig aus Osterfeld, Landwehrmann Max Burkard aus Warnsdorf und Ernst Kraßmann aus Lüneburg. Eine Überführung in den Heimatort war jedoch nicht immer möglich; viele der Verstorbenen wurden in Lingen beerdigt.

Fast wöchentlich trafen nun neue Verwundete ein. Bereits Ende September 1914 war die Zahl der Lazarettinsassen auf etwa 250 gestiegen. Nach einem Verwundetentransport vom 9. Oktober waren es nun 295, nämlich 63 im Gesellenhaus, 58 im Hospital und 174 Verwundete auf der Wilhelmshöhe. Die Kapazitäten des Reservelazaretts stießen bald an ihre Grenzen. Und so begann man mit der Planung zweier weiterer Lazarettabteilungen. Eingerichtet wurden sie schließlich im Hotel Nave und im Hotel Heskamp. Man rechnete mit 500 Verwundeten, und tatsächlich wurde diese Zahl bald erreicht. Ende September 1916 meldete der stellvertretende Lazarettinspektor dem Stadtrat insgesamt 477 Insassen, davon 210 auf der Wilhelmshöhe, 97 im Hotel Nave, 44 im Hotel Heskamp, 69 im Krankenhaus und 57 im Gesellenhaus.

Dank der Erweiterungsarbeiten von 1910 und 1913 verfügte das Hospital während des Krieges über 108 Betten. Gegenüber dem Roten Kreuz hatte es sich vertraglich verpflichtet, etwa 30 Soldaten aufzunehmen. Tatsächlich jedoch nahm es 50 bis 60, zeitweise sogar 60 bis 70 Verwundete auf. Dies bedeutete auch eine finanzielle Belastung, zumal die Krankenzimmer durch die Belegung mit Soldaten überdurchschnittlich schwer litten und bald stark reparaturbedürftig waren. Allein das Geld dafür fehlte.

Das Ende des Krieges am 11. November 1918 bedeutete für das Hospital keine finanzielle Entspannung. Im Gegenteil sorgten die allgemein gestiegenen Preise der Folgejahre dafür, dass das Hospital nun erstmals massiv in die roten Zahlen geriet. Noch vor dem Ende des Krieges hatte Heinrich Lobenberg, bisher Pächter der Wilhelmshöhe, im Januar 1918 das Grundstück gekauft, konnte es aber nicht lange halten. Durch die laufenden Kosten überfordert, verkaufte er 1926 an die Stadt Lingen. Das Gesellenhaus schließlich wurde 1959 abgerissen, um dem Erweiterungsbau des Bonifatius-Krankenhauses zu weichen.

Quellen und Literatur
S
tadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 1974.
Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung.
Stadtarchiv Lingen, Lingener Volksbote.
Stadtarchiv Lingen, Lingensches Wochenblatt.
Stadtarchiv Lingen, St. Bonifatius Hospital Lingen, Nr. 7, Nr. 8, Nr. 49.
Lengerich, Johann Rudolf van: Geschichte und Bedeutung der Lingener Wilhelmshöhe, in: Kivelingszeitung 1999, S. 103-111.
Remling, Ludwig: Vom Belegkrankenhaus zum Anstaltskrankenhaus mit Fachabteilungen. Das St. Bonifatius-Hospital [in Lingen] vom Ende des 19. bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts. (www.stadtarchiv-lingen.de)
Timmer, Hans: Die Geschichte der Wilhelmshöhe, in: Kivelingszeitung 1931.


Abb. 1: Verwundete des Ersten Weltkriegs mit Krankenschwestern vor dem Gesellenhaus (Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung)

Abb. 2: Krankenschwestern bei der Pflege verwundeter Soldaten (Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung)

Abb. 3: Verwundetentransport im Lingener Bahnhof (Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung)


Die Lingener Synagoge
Jochem Hamann - Der Mann hinter den Puppen

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