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Geschichte Lingens
Chronik der Stadt Lingen
Die Große Straße

A R C H I V A L I E   D E S   M O N A T S   O K T O B E R   2 0 1 3 

von Dr. Stephan Schwenke

Wie die erste Ansiedlung in Lingen ausgesehen hat, darüber gibt es keine Quellen. Fest steht aber, dass sich bereits im Mittelalter ein erstes Straßensystem gebildet hat. Im Raum zwischen der vermutlich bestehenden Vorburg und der ersten Siedlung entstanden an einer Straßenkreuzung der Marktplatz, die Schlachterstraße, die Kirchstraße und die Große Straße. Die Große Straße diente als Hauptverkehrsstraße, verband sie doch das Mühlentor mit dem Markt und der sich anschließenden herrschaftlichen Burganlage. Um dem Fuhrverkehr Rechnung zu tragen, war sie mit 10 Metern Breite sehr großzügig bemessen. Eine Abgrenzung zu den Hauseingängen gab es nicht.


H A U P T A C H S E   V E R B A N D   D A S   M Ü H L E N T O R   M I T   D E M   M A R K T 

Der Raum zwischen der Straßengasse und den Häusern war oftmals nur durch Treppen, Geländer oder einfache Pfähle abgesperrt. Nach dem großen Stadtbrand von 1863 ging man daran, das Straßensystem zu regulieren, indem man diese begradigte und erhöhte Fußsteige herstellte. Hier waren aber zunächst Überzeugungsarbeit zu leisten, denn mancher Hausbesitzer zeigte sich nicht einverstanden mit dem, seiner Meinung nach, „Verkehrshindernis“ Fußgängersteig vor seiner Tür. Die öffentliche Meinung unterstütze aber das Vorhaben des Magistrats, so dass auch diese Hindernisse überwunden werden konnten. Die Stadt übernahm bei der Neugestaltung die Kosten für die Herstellung des Fahrweges und für die von den Hausbesitzern zu unterhaltenen Fußsteige.


S C H M U C K E   G I E B E L H Ä U S E R   A U F   S C H M A L E M   G R U N D 

Die Bebauung an der Großen Straße erfolgte durch regelmäßig aufgeteilte Grundstücke von ca. 10 Metern Breite. Die zumeist eingeschossigen Häuser bildeten zur Straße hin mit der Giebelfassade einen geordneten Abschluss. Auf der Rückseite befanden sich Nebengelasse, Stallungen für Kleinvieh und zumeist noch ein kleiner Garten. Die Häuser waren durch einen Mittelflur erschlossen, von dem zur einen Seite hin die Werkstatt oder der Laden mit anschließenden Lagerräumen abging. Auf der anderen Seite befanden sich die Wohnstube und kleinere Kammern.
Zur Jahrhundertwende wurden die Häuser grundlegend umgestaltet. Die zur Straße gehende Fensterfront wurde erweitert und die Ladenräume dahinter durch Auflösung des Mittelflurs vergrößert. Dies hatte zur Folge, dass man die Wohnräume in das Dachschoss verlegen musste. Da die Räume dort, meist nur kleine Kammern oder einfache Speicherräume, nicht ausreichten, musste aufgestockt werden. Das hatte wiederum Auswirkungen auf die Fassade, die ebenfalls neu gestaltet wurde. Weitere einschneidender Veränderungen erfolgten nach 1945, als man die Ladenflächen im Erdgeschoss vergrößerte und gleichzeitig die Ladenfronten mit großen Schaufenstern versah.


Z A H L R E I C H E   U M B A U T E N   A M   H A U S   K Ö R N E R 

Gute Beispiele für die Umbaumaßnahmen sind die Häuser Körner (Nr. 6) und Hutmacher (Nr. 12). Das Haus Körner wurde in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts errichtet. Das Erdgeschoss und Obergeschoss wurden im Laufe der Jahre mehrfach verändert. Im 19. Jahrhundert wurden z.B. die Fenster vergrößert Später erfolgte der Umbau der Ladenfront.
Gut hundert Jahre (1772) später wurde das ursprünglich eingeschossige Fachwerkhaus Hutmacher errichtet. Ein Vorgängerbau fiel wohl dem Stadtbrand von 1604 zum Opfer. Das Gebäude durchlief vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts einen häufigen Nutzungswandel, der sich auch auf die Gestaltung auswirkte. 1912/13 wurde ein Stockwerk aufgesetzt, im Erdgeschoss entstand ein Ladengeschäft für eine Schlachterei. Der alte Giebel wurde oben wieder aufgesetzt. 1948 verzierte der Bildhauer Erich Ricken das Fachwerk mit bemalten Schnitzereien. 1958 verglaste man die gesamte Fassade. 1978 wird diese, beim Umbau zu einer Gaststätte, wieder geschlossen. Im Inneren weisen vor allem die getrennten Treppenaufgänge vorne und hinten auf häufigen Nutzungswandel bereits vor der Wende zum 20. Jahrhundert hin.

Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Lingen, Dep. 29b, Nr. 3266, Einführung eines Bau-Regelments, 1861;
Stadtarchiv Lingen, Dep. 29b, Nr. 3386, Anlage erhöhter Bürgersteige in den Straßen Burgstraße, Bauerntanzstraße und am Markt, 1866-1867;
Stadtarchiv Lingen, Dep. 29b, Nr. 3391, Anlage von Bürgersteigen in der Lookenstraße und Schlachterstraße, 1870-1888;
Baldur Köster, Lingen. Architektur im Wandel von der Festung zur Bürger- und Universitätsstadt bis zur Industriestadt (bis 1930), Berlin 1988;
Beiträge zur Chronik der Stadt Lingen aus den Jahren 1860 bis 1880, Lingen 1880.


Ein Bericht von Joachim Schulz über einen historischen Spaziergang durch die Große Straße im Jahr 2008 zeigt, wie sich die ehemalige Hauptverkehrsachse heute präsentiert.


Das Torwärterhaus
Marienstraße zu Ehren der Königin von Hannover

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