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Archivalie de Monats
Geschichte Lingens
Chronik der Stadt Lingen
Eierbicken und Eierkollern

A R C H I V A L I E   D E S   M O N A T S   A P R I L   2 0 1 7 

von Dr. Mirko Crabus

Ein weitverbreiteter Osterbrauch ist das Eierbicken, andernorts auch als Eierticken, Eierpecken oder Eiertitschen bekannt. Das Spiel ist denkbar einfach. Zwei Kontrahenten schlagen ihre Ostereier gegeneinander. Wessen Ei zuerst zerbricht, der hat verloren. In Lingen ist die Tradition des Eierbickens eng mit der Geschichte der Wilhelmshöhe verbunden.

1844 ersteigerte Heinrich Wilhelm Hungelmann, Sohn eines Lingener Senators und wohlhabender Weinhändler, einen bewaldeten Hügel, der allgemein als „die Höhe“ bekannt war. Er kaufte angrenzende Grundstücke hinzu, ließ weitere Hügel und Erdwälle aufwerfen, legte einen künstlichen Teich an und bepflanzte das Gelände mit Bäumen und Sträuchern. Schließlich errichtete er auch ein Gesellschaftsgebäude. So entstand ein Volks- und Vergnügungspark, der bald – nach Hungelmanns zweitem Vornamen – den Namen Wilhelmshöhe erhielt.


O S T E R F E S T - F E I E R   A U F   D E R   H Ö H E 

Konzerte, Theateraufführungen und Festbälle fanden fortan auf der Wilhelmshöhe statt. Das galt auch noch, als Hungelmann die Anlage nicht mehr selbst betrieb, sondern sie einem Pächter überließ. Bald waren auch Osterfeiern fester Bestandteil des Jahresprogramms. 1865 etwa lud der Pächter Ernst Stahl im Lingenschen Wochenblatt zur „Osterfest-Feier auf der Höhe“ und verkündete, „daß am Ostermontage und Osterdienstage Nachmittags auf der Höhe Unterhaltungs-Musik Statt finden wird.“ Zugleich versprach er ein „gut besetztes Musik-Chor“ und „Erfrischungen jeder Art“. Der Montagabend sollte mit Tanz, der Dienstagabend mit einem Feuerwerk beschlossen werden. Spätestens 1871 firmierte die Veranstaltung als Oster-Eierfest, und damit war wohl auch das Eierbicken ein Teil der Festlichkeiten geworden.


G R O ß E S   M I L I T Ä R K O N Z E R T 

Dann kam der Erste Weltkrieg. In den Gebäuden der Wilhelmshöhe wurde ein Lazarett eingerichtet, im Park wurden Baracken für die Verwundeten aufgestellt. Für den Publikumsverkehr war das Gelände fortan weitgehend gesperrt. Das bedeutete auch das Aus für das alljährliche Eierbicken. Kurz vor Ostern verkündete die Lingener Tagespost in ihrer Ausgabe vom 24. März 1915: „Wir sind wiederholt ersucht worden, darauf hinzuweisen, daß es nicht angebracht sei, während der Kriegszeit das herkömmliche Volksfest, das Eierpicken zu Ostern, auch in diesem Jahre zu feiern. Das ganze deutsche Volk leidet schwer. Da auch noch der übliche Festplatz, die Wilhelmshöhe, für die verwundeten Krieger reserviert ist und darum nicht benützt werden kann, so darf man wohl erwarten, daß das Eierpicken in diesem Jahre ausfällt.“ Ohnehin wurden Eier – wie alle anderen Lebensmittel auch – bald zur Mangelware. Noch im Laufe des Jahres 1915 wurde der Eierverkauf reguliert, und die Stadt richtete eine Eierverkaufsstelle am Marktplatz ein, die die Eier zu festgesetzten Preisen und gegen eine entsprechende Lebensmittelkarte ausgab.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Tradition des Eierbickens am Ostermontag wieder aufgenommen. 1936 etwa wurde per Anzeige auf die Wilhelmshöhe geladen. Aus der einstigen „Unterhaltungs-Musik“ war inzwischen ein „Großes Militärkonzert“ geworden, und es wurde Eintritt verlangt. Auch in Baccum fand ein Eierbicken statt, und der Lingener Männerturnverein lud seine Mitglieder ebenfalls zum Eierbicken ein.

Der Zweite Weltkrieg setzte dem Eierbicken auf der Wilhelmshöhe erneut ein vorläufiges Ende, und auch die ersten Nachkriegsjahre blieben schwierig. „Lange Jahre wollte die Sache mit den Ostereiern nicht recht klappen. Grund dafür war das fast gänzliche Fehlen der Objekte, zum anderen standen sie auch im Preise so hoch, daß sich der gewöhnliche Sterbliche es nicht leisten konnte, ein Ei für 50 oder mehr Pfennige zu verlieren, nur um ein kleines Spaßvergnügen, von wegen spitz-stumpf, zu haben“, so äußerte sich der Lingener Volksbote, als das Eierbicken auf der Wilhelmshöhe 1950 wieder stattfand. „Viele von den Kleinen, aber auch den Größeren haben ein richtiges Eierbicken auf der Wilhelmshöhe ja noch nie erlebt.“ Auch bei Neerschulte in Schepsdorf fand man sich zum Eierbicken zusammen. Das Osterfest 1950 war allerdings recht verregnet, und der große Besucherandrang blieb aus. Dass in der Karwoche in der gesamten Stadt Gifteier zur Krähenbekämpfung ausgelegt worden waren, sorgte indes offenbar für keine unangenehmen Überraschungen.


N U R   D E R   A B E N D L I C H E   F E S T B A L L   B L I E B 

Auch im nächsten Jahr wurde auf der Wilhelmshöhe Ostern gefeiert, und zwar in prominenter Begleitung von Rudi Schuricke, Marita Gründgens und Lale Andersen. 1952 war es dann wieder etwas bescheidener mit dem evangelischen Posaunenchor, dem Kolping-Chor und der Lingener Liedertafel. Wieder hielten sich die Besucherzahlen in Grenzen. Der Lingener Volksbote berichtet: „Herrlich saß man unter den noch unbelaubten Bäumen und lauschte den Klängen der Kapelle. Und die Kinder? Sie unternahmen den schüchternen Versuch, das Eierbicken in seiner alten Form wieder aufleben zu lassen. Die Eier sind den Kindern für solche Scherze einfach zu teuer, und wenn sie sich nur mit Tränen in den Augen von ihrem bisherigen Besitztum trennen müssen, hat die schöne Geschichte einen Haken.“ Eier ließen sich freilich auch anders verwenden. Rund um Lingen hatten sich Kinder Kollerbahnen in den Sand gebaut. Eine alte Konservendose war dazu das geeignete Werkzeug. Dort ließen sie ihre Eier herunterrollen. Und auch hier galt: Wessen Ei als erstes zerbrach, hatte verloren. Die Tage des Eierbickens auf der Wilhelmshöhe aber waren gezählt. 1962 traf man sich zum letzten Mal zum nachmittäglichen Kaffeekonzert. Nur der abendliche Festball blieb.

Auf seiner Internetseite hat das Stadtarchiv eine knapp zweiminütige Filmaufnahme vom Eierkollern (Ende der 1930er Jahre am Telgenkamp?) bereitgestellt. Nähere Informationen sind willkommen. www.stadtarchiv-lingen.de unter der Rubrik „Archivalie des Monats“.

Quellen und Literatur:
- Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 3037, Nr. 2027.
- Stadtarchiv Lingen, Lingener Volksbote 1915, 1936, 1950-1953, 1960-1965.
- Stadtarchiv Lingen, Lingener Wochenblatt 1865.
- Lengerich, Johann Rudolf van: Geschichte und Bedeutung der Lingener Wilhelmshöhe, in: Kivelingszeitung 1999, S. 103-111.
- Vocks, Benno: Lingen wegweisend. 99 Straßen, Wege und Plätze. Porträts und Geschichte(n), Ahlen 2015.


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