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Geschichte Lingens
Chronik der Stadt Lingen
Sinti und Roma in Lingen

A R C H I V A L I E   D E S   M O N A T E   S E P T E M B E R   U N D   O K T O B E R   2 0 1 8 

Von Dr. Mirko Crabus

Ursprünglich wohl in Indien beheimatet, erreichten die ersten Roma im frühen 15. Jahrhundert Mitteleuropa. Sie gehörten zur Teilgruppe der (erst später so genannten) Sinti, die noch heute die größte in Deutschland beheimatete Romagruppe bilden. 1407 wurden sie in Hildesheim erwähnt, 1420 in Deventer, 1435 in Osnabrück. Im Emsland lassen sich Roma erst mit dem beginnenden 18. Jahrhundert belegen. In emsländischen Kirchenbüchern erscheinen sie ab 1713 als „Aegyptiani“, „Cyngari“, „Ziehani“, „Zigener“ oder schlicht als „Heyden“. Die Fremdbezeichnung „Zigeuner“ ist unbekannten, vermutlich aber griechischen Ursprungs. 1721 wurde auf dem Meppener Marktplatz ein neuer Pranger errichtet, und zwar vornehmlich, um die sich dort aufhaltenden „Heyden“ zu strafen.


1725 erließ Friedrich Wilhelm I. ein Edikt wonach „die Zigeuner, so im Lande betreten werden, und 18 Jahr und darüber alt seyn, ohne Gnade mit dem Galgen bestraffet und die Kinder in Waysen-Häuser gebracht werden sollen.“ Ziel des Edikts war, „daß dieses ruch- und gottlose, auch nur vom Raub und Stehlen sich ernehrende Zigeuner-Gesindel mit Stumpff und Stiehl gäntzlich aus allen Unseren Landen vertilget und ausgerottet werde“. Auch die Moderatoren der Lingener Classis, ein Zusammenschluss der reformierten Prediger der Grafschaft Lingen, erhielten einen Druck des Edikts, verbunden mit der Auflage, es durch die Prediger von der Kanzel verlesen zu lassen. Ähnlich verfuhr man bei einem weiteren königlichen Edikt von 1739, das gegen „Ziegeuner, Land-Streicher und im Lande herum vagirende frembde Bettler“ gerichtet war.

Ebenfalls 1725 erhielt der „Commissaire en Chef“ der Grafschaft Lingen, Thomas Ernst Danckelmann, Instruktionen zur „Visitation und Aufhebung von Diebes-Rotten, Bettler und Zigeuner oder andern liederlichen Gesindels in Städten und auf dem Lande“. „Zigeuner“ sollten demnach in Arrest genommen werden, bis weitere Anweisungen folgten. Fortan fanden auch in Lingen regelmäßig „Generalvisitationen“ statt, bei denen man von Haus zu Haus ging und insbesondere Gaststätten durchsuchte. Opfer einer solchen Visitation wurde vermutlich auch ein „Zigeunerkind“, das 1730 im Lingener Gefängnis starb. Johann Bernhard Hüllesheim, Medizinprofessor an der Hohen Schule zu Lingen, erbat die Leiche des Kindes für sich und sezierte sie mehrere Wochen lang öffentlich. Es scheint seine einzige Obduktion in über zwanzig Jahren gewesen zu sein. Die Umsetzung der königlichen Instruktionen stieß an ihre Grenzen, als im Juni 1739 mehrere „Zigeuner und Vagabonden“ die Lingensche Grenze überquerten und sich fortan im Lande aufhielten. Auf Nachfrage bestätigte der Lingener Magistrat ihre Anwesenheit. Man habe selbst „einig zusammen gerottetes Zigeunerpack und liederliches Gesindel“ gesehen und wisse insbesondere, dass „die sogenanten Heiden oder Zigeuner“ „noch neulig vor der Pforte des Gutes Spieck“ gewesen seien. Jedoch habe der Magistrat „keine Hülffe oder starcke Hand“ finden können, um die „Bösewichter“ zu ergreifen.


D E R   P F E R D E M A R K T   Z I E H T   S I N T I   U N D   R O M A   A N 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte der Lingener Viehmarkt überregionale Bedeutung. Insbesonderre der Pferdemarkt, der zunächst auf dem Marktplatz und in der Castellstraße, ab 1901 dann auf einem eigenen Grundstück in der Burgstraße abgehalten wurde, zog immer wieder auch im Pferdehandel aktive Sinti und Roma an. Zu dem jeden zweiten Donnerstag stattfindenden Pferdemarkt reisten sie gewöhnlich schon am Mittwoch Nachmittag an. Sie kamen meist mit sechs oder sieben Wohnwagen, gezogen von Pferden oder Ponys und mit den zu verkaufenden Pferden im Schlepptau. Sie schlugen ihr Lager auf der Bleiche nahe des Alten Friedhofs auf oder in Darme am Weg zum heutigen Heimathaus. Der Lagerplatz in Darme war insofern günstig gelegen, als dass viele Händler ihr Vieh auf nahegelegenen Wiesen weiden ließen. Am nächsten Morgen zogen die Roma dann mit ihren Pferden zum Pferdemarkt. In der Lingener Bevölkerung begegnete man ihnen mit Mißtrauen. Man sagte ihnen nach, sie würden ihre Pferde aufputschen, indem sie ihnen etwa Pfeffer unter den Schweif rieben – was andere Händler allerdings auch taten. Auf einer Sandbahn konnten die Pferde im Lauf vorgeführt werden. Gelegentlich ließ sich einer der Roma „am Schweif des Pferdes mitschleifen, wodurch das Pferd enorm feurig wurde“, berichtet eine Zeitzeugin. „Einige Zigeuner hatten auch kleine Tanzbären, mit denen sie durch die Straßen zogen und dabei Geld kassierten. Nach der Musik tanzte der Bär hoch erhoben auf den Hinterbeinen um den Zigeuner herum.“ Den Roma war es nicht erlaubt, sich länger als zwei Tage in Lingen aufzuhalten. Nach Ende des Marktes wurden sie von der Polizei aus die Stadt hinaus und bis nach Laxten geleitet.


R O M A   S C H L U G E N   L A G E R   A U F   D E R   B L E I C H E   A U F 

Wenn sich an der Wende zum 20. Jahrhundert Roma in Lingen aufhielten, schlugen sie ihr Lager häufig auf der Bleiche nahe des Alten Friedhofs und des Neuen Hafens auf. Eine Zeitzeugin erinnert sich: „Im Halbkreis standen die Wagen und in der Mitte schwelte das Holzfeuer zum Kochen. Im trockenen Gras saßen alte und junge Zigeunerweiber und rauchten lange Pfeifen. Lange, bunte Röcke trugen die jungen Zigeunermädchen und ich sah ihre dunklen Füße. Die Jungen trugen kurze Hosen und die Beine waren frei.“ Ein weiterer Lagerplatz befand sich in Darme am Weg zum heutigen Heimathaus. Solange sie sich dort aufhielten, mussten die Kinder die Darmer Volksschule besuchen.
Soweit bekannt, hatten damals keine Sinti- und Romafamilien ihren Erstwohnsitz in Lingen. Doch gab es Roma, die hier geboren wurden. In der Lingener Strafanstalt (Georgstr. 5, Stadtflur Nr. 232) und in Anwesenheit einer Hebamme erblickte am 16. März 1891 um 4 Uhr morgens Hedwig Schmidt das Licht der Welt. Ihre Eltern waren Anna Schmidt geb. Hartmann und der Handelsmann Heinrich Schmidt, beide katholischer Konfession und wohnhaft in Solingen. Franz Lübke stammte aus der Gemeinde Hacheney bei Dortmund, war Handelsmann und im Besitz eines Wandergewerbescheins. Ihm wurde am 15. November desselben Jahres ein Sohn namens Hermann geboren. Die Geburt erfolgte „in Lingen im Wohnwagen des Handelsmann in der Nähe der Bleiche“. Das Leben auf Wanderschaft war hart. Über die Kältewelle des Jahres 1929 berichtet die Chronik der evangelischen Schule Brögbern-Brockhausen: „Am 10. Februar setzte große Kälte ein, wie seit 100 Jahren nicht gewesen. Viel Wild, Bäume, auch Menschen, Zigeuner, welche keine Unterkunft finden konnten, Kinder im Bett sind erfroren.“
Hinzu kamen Repressionen seitens der Behörden. In den 1920er Jahren einigten sich die Behörden in Aurich, Osnabrück, Papenburg und Lingen darauf, dass alle Fahrenden, insbesondere die sogenannten „Zigeuner“, sofort abzuschieben oder mit einem Standgeld für ihren Lagerplatz zu belegen seien, das so hoch liegen sollte, dass es nicht mehr entrichtet werden könnte.


M A S S I V E   D I S K R I M I N I E R U N G   D E R   R O M A 

Die Diskriminierung nahm im Nationalsozialismus massiv zu. Ab 1936 galt in den Kreisen Aschendorf-Hümmling und Meppen eine Polizeiverordnung, nach der „Zigeunern und den nach Zigeunerart mit Wohnwagen umherziehenden Personen sowie hausierenden Ausländern“ die Durchreise und der Aufenthalt verboten war. In einem Schreiben vom 5. Juli 1938 forderte der Lingener Landrat dasselbe für den Kreis Lingen. „Sehr oft“ würden sich in der Stadt Lingen „Zigeuner“ aufhalten, „besonders anlässlich der vielen Pferdemärkte in Lingen. (…) Nachweislich verschleppen die Zigeuner Viehseuchen.“ Die größte Gefahr sah der Landrat allerdings in möglicher „Spionage“. „Ein Zigeuner begeht bekanntlich für Geld jede strafbare Handlung. (…) Der Zigeuner eignet sich besonders zum Spion, da er ein verschlagener Naturmensch ist und leider immer noch mit seinem Wandergewerbeschein ungehindert durch die Gegend streifen kann.“ Durch die Grenznähe könnten Informationen leicht ins Ausland gebracht werden. Zudem sei Lingen Garnisonsstadt. So würden etwa „Zigeunerbanden“ oft die Straße von Lingen nach Lohne nutzen, um nach Bentheim zu kommen, und dabei auch den Übungsplatz der Garnison passieren. Der Regierungspräsident folgte schließlich der Empfehlung der Gestapo, die die Sperrung des Kreises Lingen „nicht für unbedingt erforderlich“ hielt. „Man könne nicht alles zum Sperrgebiet machen“. Der Antrag des Lingener Landrats wurde abgelehnt.


N A Z I S   V E R Ü B E N   V Ö L K E R M O R D   A N   S I N T I   U N D   R O M A 

Parallel zur Shoa fand auch der Porajmos, der Völkermord an den europäischen Roma statt. Nach einer ersten Verhaftungswelle 1938 wurden 1940 mehrere hundert niedersächsische Sinti deportiert. Im Februar 1943 wurde im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein eigenes „Zigeunerlager“ eingerichtet. Einen Monat später folgte eine weitere Deportationswelle. Der in Osnabrück für die Deportation verantwortliche Polizist „Julius“ stand nach dem Krieg im Dienste der Lingener Polizei. Er leugnete jede Beteiligung am Massenmord und wurde nicht belangt, sondern vielmehr als Sachverständiger zu Entschädigungsprozessen herangezogen. Deportationen aus Lingen sind nicht bekannt, doch befand sich eine in Lingen geborene Romni unter den Opfern. Am 3. November 1943, vor fast 75 Jahren also, starb die nunmehr 52jährige Hedwig Schmidt – inzwischen Schmidt-Franz – im „Zigeunerlager“ von Auschwitz. Die genaue Zahl der Opfer des Porajmos ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von mindestens 200.000 Ermordeten aus. Entschädigungsanträge wurden häufig abgelehnt. Noch heute bilden Roma die am stärksten diskrimierte Minderheit Europas.

Quellen und Literatur:

- Stadtarchiv Lingen, Albensammlung, Nr. 45.
- Stadtarchiv Lingen, Allgemeine Sammlung, Nr. 714.
- Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 683.
- Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 507
- Stadtarchiv Lingen, Kultur, Nr. 170.
- Stadtarchiv Lingen, Personenstandsregister, LIN G 1891, Nr. 47.
- Stadtarchiv Lingen, Sammlung Schulchroniken, Nr. 22.
- Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 3071.
- Stadtarchiv Lingen, Ev.-Ref. Kirchenarchiv, Nr. 13, Nr. 27.
- Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 20168.
- Stadtarchiv Lingen, Kultur, Nr. 170.
- Katholische Erwachsenenbildung im Lande Niedersachsen e.V. (Hg.): Aus Niedersachsen nach Auschwitz. Die Verfolgung der Sinti und Roma in der NS-Zeit. Projektbericht über eine Wanderausstellung des Niedersächsisches Verbandes deutscher Sinti, Hannover 2003/05.
- Reinmuth-Neumann, Tilly: Jugenderinnerungen aus längst vergangenen Tagen, in: Kivelingszeitung 1987, S. 129-131.
- State Museum of Auschwitz-Birkenau (Hg.): Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, München e.a., 1993.
- Fings, Karola: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit, München 2016.
- Geschichte(n) um den „Alten Pferdemarkt“. Handel und Wandel in Lingen an der Ems, Lingen [1985].
- Hoffmann, Aloys: Das Medizin-Studium in Lingen 1751, in: Kivelingszeitung 1972, S. 45.
- Lemmermann, Holger: Zigeuner und Scherenschleifer im Emsland, Sögel 1986.
- Reinmuth-Neumann, Tilly: Jugenderinnerungen aus längst vergangenen Tagen, in: Kivelingszeitung 1987, S. 129-131.

Abb. 1: Edikt Friedrich Wilhelms I. gegen „Zigeuner“ vom 5. Oktober 1725

Abb. 2: Der Pferdemarkt an der Burgstraße um 1903.

Abb. 3: Die Bleiche mit Kleinbahnschienen und Feuerwehrhaus im Jahre 1929

Abb. 4: Die Bleiche an der Ecke Mühlentorstraße/Gasthausdamm


Abb 5: Ausstellung: Sonderzüge in den Tod, Die Deportation mit der Deutschen Reichsbahn, Lingen 2015


Die Reichspogromnacht in Lingen
De Zwarte Hand

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