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Geschichte Lingens
Chronik der Stadt Lingen
Wirbelsturmkatastrophe in Lingen

A R C H I V A L I E   D E S   M O N A T S   A U G U S T 

von Dr. Stephan Schwenke

Dass der Sommer nicht immer nur eitel Sonnenschein verspricht, zeigt das Jahr 1927 im Emsland, als am 1. Juni eine furchtbaren Wirbelsturmkatastrophe die Stadt Lingen heimgesucht, ungeheuren Schaden in Stadt und den angrenzenden Landgemeinden verursachte und 1 Menschenleben forderte.

Der Wirbelsturm traf, vom benachbarten Holland kommend, zunächst Schepsdorf. Dort deckte er zahlreiche Dächer ab, beschädigte Häuser und entwurzelte Bäume. Der Sturm raste weiter über die Allee nach Lingen, knickte dort die Alleebäume um. Der Marktplatz bot ein schlimmes Bild. Das Rathaus wurde stark beschädigt, das Dach abgedeckt, Fenster zerstört. Die benachbarten Häuser des Ratskellers, Gronemeyer, Rakers usw. sind ähnlich stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Klubstraße, Gymnasialstraße, Baccumerstraße, Am Wall, Elisabethstraße. Auch hier große Verwüstung und Zerstörung. Die Osnabrücker Zeitung schreibt dazu: „Die Trümmer eingedrückter Giebel und Häuser bedecken die schmalen, engen Straßen. Über die Trümmer hinweg suchen sich Passanten ihren Weg. Hier sehe ich ein Haus, wo das Dach zum Teil vollständig abgedeckt ist, nicht nur die Pfanne, sondern auch die Balken und Sparren sind abgeworfen worden. Oben im Kniestock ist scheinbar eine Wohnung gewesen. Man sieht die Bilder and er Wand, die Schränke in den Zimmern, nur die Umgebung fehlt (…).“ Der Wirbelsturm ging weiter über das Stadtgebiet und traf mit verheerender Wucht den Böhmerhof. Hier entwurzelte er die den Hof umgebenden Eichen, deckte die Dächer der Stallgebäude ab und zerstörte die angrenzenden Wirtschaftsgebäude.
Die städtischen Behörden reagierten sofort und organisierten die Bergungs- und Rettungsmaßnahmen. Hilfsmannschaften des Eisenbahnausbesserungswerks, der Feuerwehr, der Sanitätskolonne, dem Schützen- und Kivelingsverein gingen sofort daran, die größten Schäden zu beseitigen. Gleichzeitig wurde eine Kommission, bestehend aus Bürgermeister Gilles, Landrat Dr. Pantenburg und Studienrat Schwenne, nach Berlin geschickt, um dort über die Katastrophe zu berichten und um finanzielle Hilfe zu bitten. Man schilderte dem preußischen Innenminister die Situation in Lingen, bekam eine Audienz beim Reichskanzler Dr. Marx und wurde sogar von Reichspräsident von Hindenburg empfangen. Die Regierung sicherte der Stadt Lingen Hilfe zu und stellte als erste Sofortmaßnahme Geldmittel in Höhe von 200000 Reichsmark zur Verfügung. Aber nicht nur von staatlicher Seite versuchte man Gelder zu bekommen. Auf Anregung der Bevölkerung gab die Stadt Lingen eine kleine Broschüre heraus, in der die Zeitungsartikel und sonstigen Berichte über die Wirbelsturmkatastrophe gesammelt zusammengefasst wurden. Der Preis belief sich auf 1 Mark, der Gesamtgewinn kam dem Hilfsfonds zu Gute.
Wie dringend die Gelder benötigt wurden, zeigt der Antrag des Wilhelm Hammerle. Dessen Haus am Markt 16 war durch den Wirbelsturm so stark beschädigt worden, dass ein Wiederaufbau in der alten Form nicht möglich war. Hammerle bat nun um 10000 Reichsmark Entschädigung für den Sturmschaden, die ihm von der Stadt auch bewilligt wurden. Anstatt des vormaligen zweigeschossigen Fachwerkhauses erstellte der Lingener Architekt Lühn nun den zweigeschossigen Massivbau mit ausgebautem Dachgeschoß, den man heute noch am Lingener Marktplatz sieht.


St. Antonius Gasthaus in Lingen
Hitzefrei erst ab Ende des 19. Jahrhunderts

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