Die verwandtschaftlichen Verflechtungen der Familien Narjes und Langschmidt. (Auszug)
Das Drostenhaus um 1900
Das Drostenhaus um 1930
Das Drostenhaus mit Seitenansicht von der Marienstraße
Lage der Wollwarenfabrik etwa dort, wo der Strootbach in den Mühlenbach mündet.
Die Wollwarenfabrik Langschmidt & Sohn um 1860
Die Villa Narjes musste 1970 dem Emslandhochhaus weichen
1906 verkaufte Paul Narjes die Gasanstalt an die Stadt Lingen
Auszug: vier Generationen Narjes in Lingen
Zementfabrik von Narjes-Bender in Essen/Kupferdreh
Das repräsentative Wohnhaus von Otto Narjes (1913 von Dr. Beckmann erworben) wurde 1945 völlig zerstört
Der weiträumige Narjes-Park erstreckte sich nach Süden und Westen bis zum Stadtgraben
Durch den Machuriusbogen betrat man den idyllischen Narjes-Park. Dort fanden 1928 die Heimatschau und 1935 die Heimattage statt
Engel als Wächter der Narjes’schen Grabstätte auf dem Alten Friedhof

Zwei Lingener Kaufmannsfamilien

Von Johannes Leifeld

Die große Bedeutung dieser beiden Namen für die wirtschaftliche Bedeutung Lingens im 19. Jahrhundert steht außer Frage, und die Tatsache, dass Straßen nach ihnen benannt worden sind, zeigt ihre Würdigung durch die Stadt.[1] Narjes und Langschmidt haben die industrielle Entwicklung Lingens erheblich vorangetrieben.[2] Beide Familien waren nicht nur freundschaftlich verbandelt, sondern auch miteinander verwandt.[3] Während Ludwig Langschmidt öffentlich eher als Lobbyist in Erscheinung trat, waren die Narjes auch in politischen Gremien aktiv.

Von Walsrode nach Lingen

Um 1785 zieht der aus Walsrode stammende fast 30-jährige freigeborene Kaufmann Ludwig Narjes nach Lingen, erhält 1788 das Bürgerrecht und betreibt, um in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, in der Großen Straße 3 eine Gastwirtschaft. Zwei Jahre später erwirbt er am Rande der Stadt ein stattliches Bürgerhaus in der Großen Straße 154 (heute Kivelingstraße 5) und heiratet 1791 die erst 16-jährige Carolina Koke, Tochter des vermögenden Mühlenpächters und Kaufmanns Heinrich Koke. Die Geschäfte scheinen offensichtlich gut zu laufen, denn 1795 kann Ludwig Narjes auch das Nachbarhaus (Große Straße 5) übernehmen. Seine Schwester Sophie folgt ihm von Walsrode nach Lingen, heiratet 1798 den holländischen Kaufmann Jan Timmerman und erwirbt die heutige Alte Posthalterei. Damit haben sich die Narjes im Lingener Stadtbild an markanten Stellen positioniert. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Kaufmann und Gastwirt fungiert Ludwig Narjes auch als Kämmerer der Stadt. Er stirbt 1810 im Alter von 54 Jahren und hinterlässt Frau und zwei Kinder: Heinrich Ludwig (1803-1846), der das elterliche Geschäft übernehmen wird, und Carolina (1794-1857), die den Notar J. Anton Friedrich Naber, den Enkel des ersten evangelischen Pfarrers in Lingen, ehelichen und nach Paderborn ziehen wird. Die verwandtschaftlichen Verflechtungen sind einsehbar im Download des Genealogiereports.

Ludwig Langschmidt heiratet die Witwe Narjes

Die 35-jährige Witwe Caroline Narjes heiratet 1811 den neun Jahre jüngeren Ludwig Langschmidt. Die Ehe bleibt kinderlos.
Johann Ludwig Langschmidt wird 1786 als Sohn eines Bäckers und Gastwirts in Melle geboren. Mit 21 Jahren zieht er nach Lingen, findet Anschluss an die Familie Narjes und wird 1812 in den Bürgerrechtslisten geführt.
1813 erwirbt er wahrscheinlich mit finanzieller Unterstützung seiner Frau das ehemalige Drostenhaus und lässt dieses inzwischen in die Jahre gekommene Gebäude zu einem Wohn-, Handels- und Geschäftshaus mit Hotelbetrieb umbauen.[4] Die baulichen Veränderungen lassen sich anhand von Fotos gut dokumentieren. Deutlich sichtbar sind ein angefügter Mittelteil und eine Veranda. Vermutlich war es auch Langschmidt, der das ehrwürdige Haus verputzen und mit Halbwalm und Dachüberstand versehen ließ, so dass es abschließend einem großen Bürgerhaus glich.[5]

Einblicke in die Wohnkultur der städtischen Oberschicht

Umfang und Qualität des Interieurs wird dem des Bürgerhauses in der Großen Straße 154 kaum nachgestanden haben. Die umfangreiche Auflistung der Wohnausstattung, die die Witwe Narjes 1811 anfertigen ließ, gibt uns interessante Einblicke in die Wohnkultur der städtischen Oberschicht in Lingen.[6] Da geht es nicht nur um die üblichen Truhen, Schränke, Tische und Stühle, sondern auch um eine Vielzahl von Objekten, die für die Stadt Lingen innovativen Charakter hatten. Über hundert teilweise gepolsterte (Lehn-)Stühle, Speise- und Spieltische und auch ein Billardtisch werden angeführt. Sicherlich gehörten diese Sitzmöbel und Tische zum Komfort des Hotelbetriebs, fanden aber auch bei gesellschaftlichen Anlässen Verwendung, bei gemeinsamen Mahlzeiten mit anschließendem gemeinsamen Spiel. Im Jahre 1838 wurde im Drostenhaus der Männergesangverein „Alte Liedertafel“ gegründet. Solange das Hotel bestand, hat der Verein dort sein Quartier gehabt.  Spiegelkommoden und Eckschränke, entsprachen zurzeit Langschmidts der neuen Mode des ausgehenden Klassizismus.
Als das Drostenhaus durch Kriegseinwirkung am 5. April 1945 vollständig in Flammen stand, konnte auch das alte Mobiliar nicht mehr gerettet werden.

Der rasche Aufstieg Langschmidts

Offensichtlich hat Langschmidt mit den Produkten aus seiner Fabrik in den Kriegen am Ende des 18. Jahrhunderts erheblich verdient. Sowohl die Kämpfe Frankreichs gegen die europäischen Machtrivalen (Koalitionskriege) als auch die sich anschließenden Napoleonischen Kriege bis zum Russlandfeldzug und den Befreiungskriegen sind hier zu nennen. Hinzu kommt die Grenzlage Lingens und die Kontinentalsperre, die Schmuggelgeschäfte sehr begünstigten. Hilfreich für den Gastwirt und Hotelier war natürlich auch der enorme Vorteil der Informationsbeschaffung. Geschäfts-, Kaufleute und überhaupt Reisende gingen bei ihm ein und aus. Als Privatbankier bot er vielen Auswanderungswilligen seine Unterstützung an, so dass er die hinterlassenen Immobilien teilweise aufkaufen und als Kapitalanlage nutzen konnte.

Wollwarenfabrik und Villa am Mühlenbach in der Stadtflur

Langschmidts wohl einträglichstes Geschäft war sicherlich die Walkmühle und später die Wollwarenfabrik, ein legaler Weg, schnell zu Reichtum zu gelangen, denn durch das Walken wurde der Wollstoff komprimiert, dichter und damit wasserresistenter, nahezu ideal für Seemannskleidung und Soldatenmäntel, ein lukratives Geschäft in Kriegszeiten.
Die Fabrik stand auf eigenem Grund und Boden in der Stadtflur, wo der Strootbach in den Mühlengraben fließt, mit dessen Wasser die Maschinen angetrieben wurden.[7] Zu diesem Zweck hatte Langschmidt rechtzeitig eine Stauwerkberechtigung erworben mit weiträumigen und unangenehmen Folgen für die Bevölkerung. Der Wasserstand im Stadtgraben stieg wiederholte Male so stark an, dass umliegende Felder nicht mehr nutzbar waren. „Das Wasser hatte fast gar keine Bewegung und die Dünste des stagnierenden Sumpfes verpesteten weithin die Umgebung.“[8] Die städtische Bleiche und Kuhweide konnten nicht mehr ausreichend entwässert werden. Sachverständige konstatierten auf Grund der Abwasserverhältnisse und des zum Teil sehr schlechten Trinkwassers in Lingen eine erhöhte Seuchengefahr.
Bald zählte die Langschmidtsche Fabrik mit ihrer Weberei, Spinnerei, Vollwäscherei, Färberei und Appretur zu den zehn modernsten Wollwarenfabriken im gesamten Königreich Hannover.[9] Die zu verarbeitende Wolle stammte aus Deutschland, Belgien und Übersee, die Fertigware wurde in Nordwestdeutschland abgesetzt. Ab 1859 nutzte Langschmidt die Vorteile einer wasserunabhängigen Dampfmaschine; dadurch ließ sich die Produktion nun mit der Herstellung auch von Flanell, Molton und Düffel verdreifachen. Beschäftigt waren je nach Auftragslage 30-40 Arbeiter.
Nach einem langen Rechtsstreit verkauften Langschmidt & Sohn die Stauberechtigung erst 1865 an die Stadt, die sofort eine aufwendige und kostenintensive Behebung der – so von Beesten – „gesundheitsgefährlichen Zustände“ einleitete. Wohl nicht zufällig erhielt Langschmidt gleichzeitig den Titel „Kommerzienrat“, einen Ehrentitel für Großkaufleute, Fabrikanten und Bankiers, der ihm den endgültigen Aufstieg in den Kreis der Honoratioren der Stadt ermöglichte.
Wie früher üblich ließ auch Langschmidt um 1850 gegenüber seiner Fabrik eine Villa erbauen.[10] Das später als „Villa Narjes“ bekannte Gebäude lag herrschaftlich in einem idyllischen Buchenpark und musste erst 1970 dem sog. Emslandhochhaus weichen.
Die Fabrikgebäude auf der anderen Seite der Straße gegenüber der Villa wurden 1907 ein Raub der Flammen. „Heute Nacht gegen 11 ½ Uhr wurde Feueralarm geblasen, und kurze Zeit später verkündete das Läuten der Glocken Großfeuer, die Wollwarenfabrik von Langschmidt & Sohn stand in hellen Flammen, welche in einem Umkreis von 4 Kilometern sichtbar waren. Bei dem vielen vorhandenen Brennstoff griff das Feuer, welches am südlichen Ende der Fabrik auskam, so rasend schnell um sich trotz des in entgegengesetzter Richtung wehenden Windes, dass innerhalb einiger Stunden die ganze Fabrik ein Raub der Flammen war. Die Feuerwehr konnte sich nur darauf beschränken, das Maschinen- und Kesselhaus zu halten und musste ferner darauf bedacht sein, dass das Feuer nicht auch noch auf die Wohnhäuser der in der Fabrik beschäftigt gewesenen Arbeiter übergriff. Die Entstehungsursache ist nicht bekannt.“ (LVB, 8.12.1907)

Die Gasanstalt

Eine weitere ergiebige Einnahmequelle für Langschmidt und Partner Jüngst, war die 1860 eröffnete Gasanastalt.[11] Rückblickend resümiert Jan Hessenius 1925: „Langschmidt baute in unmittelbarer Nähe der Schienenstränge die Gasanstalt. Welch ein Segen war diese für Lingen! Petroleum kannte man damals noch nicht so. Man musste sich also mit Tran- und Ölfunzeln behelfen. Wie jämmerlich muss die Straßenbeleuchtung (die es damals schon gab) gewesen sein! Das wurde mit einem Schlage anders. Es gab ‚mehr Licht‘ in den Häusern, auf den Straßen und Plätzen. Zugleich mit der Gasanstalt eröffnete Langschmidt eine Kohlenhandlung, wohl das erste und größte Geschäft dieser Art in Lingen. Die Eisenbahn rollte nun für Gasanstalt und Kohlenlager Kohlen direkt aus dem Ruhrgebiet in großen Mengen heran, und die Lingener Bürger konnten sich nun auf Kohlenheizung einstellen. Um diese Einrichtungen, besonders um die Gasanstalt, beneideten uns damals Orte, die viel größer waren als Lingen.“ (LWB, 26.7.1925)
„Langeschmidt & Jüngst“ übernahmen neben der Kohle auch den Verkauf des bei der Gaserzeugung entstehenden Koks, einer vorteilhafteren Alternative zur üblichen Holzkohle.
Mit der Industriellen Revolution wuchs natürlich die Suche nach Eisen, dabei kam auch Rasenerz als Rohstoff infrage. 1855 ging die Alexis-Hütte in Wietmarschen in Betrieb, aber auch Langschmidt und weitere Interessierte kauften in Konkurrenz Rasenerzfelder für eine Hochofenanlage in Lingen auf. Schließlich stieg Langschmidt aus dem Geschäft aus und wurde Mehrheitsaktionär bei der Konkurrenz in Wietmarschen. Die geplante Hütte am Lingener Viehmarkt ging nie in Produktion.[12]

Das Bankhaus Langschmidt & Sohn

Das Bankgeschäft, das Langschmidt betrieb und später sein Stiefsohn Otto Narjes fortführte, profitierte v. a. von der nicht geringen Zahl von Auswanderungswilligen nach Übersee. In regelmäßig erscheinenden Annoncen versprach das Bankhaus, „Darlehen gegen Unterpfand oder Bürgschaft, Auszahlungen und Einziehung von Forderungen an allen Orten Amerikas und anderer Weltteile, kostenfreie Überweisung durch Reichsbankgirokonto“ zu bewilligen.

Zusammenfassend ist Ludwig Langschmidt Aufgeschlossenheit für Innovationen und neue Ideen zu bescheinigen. Während er sich selbst auf die finanziellen Ausgestaltungen seiner Unternehmungen beschränkte, profitierte er von seinen betriebswirtschaftlich versierten und technologisch aufgeschlossenen Partnern, von denen er sich auch wieder trennte, wenn er seinen Vorteil sah. Rechtsstreitigkeiten, die er bei drohendem Verlust von Geschäften anstrebte, konnten sich mehrere Jahre in die Länge ziehen.[13]
Ludwig Langschmidt starb 1867 im Alter von 81 Jahren, ein gutes halbes Jahr nach dem Tod seiner zweiten Frau Gesine van Santen. Sie war in erster Ehe mit Heinrich Ludwig Narjes (II.) verheiratet gewesen, der bereits nach neun Ehejahren im Alter von 43 Jahren an Gehirnhautentzündung verstarb. Aus dieser Verbindung gingen vier Kinder hervor.[14]

Die Geschwister Theodor, Otto, Carolina und Ludwig Narjes

Theodor Narjes wurde 1847 geboren und studierte in Berlin Chemie und Hüttenkunde. Ein Volontariat absolvierte er in der Alexishütte. Als junger Betriebsingenieur kam er 1872 zur Firma Krupp nach Essen. Zusammen mit seinem späteren Schwager Dr. August Bender entwickelte er verschiedene Eisenschmelztechniken. Dafür wurden sie von Krupp mit 30.000 Talern belohnt. Mit diesem Startkapital wandten sie sich dem neuen Zweig der Chemieindustrie zu, konzentrierten sich auf die Entwicklung von Portlandzement und gründeten 1883 eine Zementfabrik, die nach einem Brand 1902 wiederaufgebaut wurde.[15]
1905 kam Theodor Narjes bei einem Straßenbahnunfall ums Leben. An ihn und seinen Kompagnon erinnern noch heute in Essen/Kupferdreh, wo sie prächtige Villen besaßen, die Narjesstraße und der Bender-Park.

Otto Narjes wurde 1842 geboren und übernahm die Privatbank Langschmidt & Sohn. 1869 finden wir ihn im Vorstand des Bürgerschützenvereins gelistet, und 1872 heiratet er Luise Richter, die Tochter des Landmessers und Wasserbauinspektors in Lingen/Hanekenfähr August Richter. Seit 1872 ist er Mitglied der Handelskammer Osnabrück und ab 1882 Mitbegründer und Vorsitzender des Handelsvereins in Lingen. Das Ehepaar Otto Narjes besaß ein herrschaftliches Wohngebäude in der Lookenstraße 14,[16] während das Banklokal im Drostenhaus angesiedelt war. Ihre Kinder haben nach der Schulzeit Lingen bald verlassen.
Otto Narjes verstarb 1912 im Bonifatius-Hospital.

Carolina Narjes (1840-1905) heiratete 1863 in Rheydt den dortigen Textilfabrikanten Otto Naber. Auch ihre Stiefschwester Louise Langschmidt (1850-1879) zog nach Rheydt. Sie ehelichte dort Carl Rothermundt. Deren Tochter Marie Rothermund wird später Paul Narjes als Ehefrau wieder nach Lingen führen.[17]

Pauls Vater, Ludwig Narjes (III.), übernahm 1859 die Hauptgeschäfte seines Adoptivvaters Ludwig Langschmidt. 1866 gründete er für seine Arbeiter einen „Kranken und Unterstützungsverein“. Damit reagierten Langschmidt & Sohn auf die wachsende Konkurrenz am Arbeitsmarkt (Eisenbahn und die Eisenhütte „Windhoff, Deeters & Co“). Die bescheidene Unterstützung im – unverschuldeten – Krankheitsfall für maximal ein Jahr wurde durch das Sozialversicherungssystem Bismarcks 1883 ff. abgelöst. Darüber hinaus veranlasste Narjes den Bau von 14 Wohnungen in Laxten an der nach ihm benannten Ludwigstraße, nicht weit der Gasanstalt.
Die Brüder Ludwig und Otto Narjes waren sowohl kommunalpolitisch aktiv als auch  generell politisch verwurzelt in der Nationalliberalen Partei, die sich mit Bismarck für eine moderne, kapitalistische Verkehrsgesellschaft einsetzte. Politisches Ziel war vor allem die Förderung des Wirtschafts- und Sozialliberalismus.
1900 verstarb Ludwig Narjes im Alter von 62 Jahren. Über sein Leben informiert am besten der Nachruf im Lingener Wochenblatt vom 4. März 1900:
„Gestern Nachmittag verstarb nach kurzer Krankheit der Senator der Stadt Lingen
Herr Fabrikbesitzer Ludwig Narjes Ritter des Königlichen Kronen-Ordens IV. Klasse.
Tieferschüttert treten wir an die Bahre dieses Mannes, der mitten aus seiner schaffensfreudigen Lebenstätigkeit abberufen wurde, dessen Tod für unsere Stadt ein großer tiefschmerzlicher Verlust ist.
Mit ihm ist ein Leben beendigt, von welchem man in Wahrheit sagen kann, dass es in ganz außergewöhnlichem Maße unserer Stadt, seiner Vaterstadt, und ihrer Bürgerschaft angehört hat.
Her Ludwig Narjes wurde am 24. September 1838 als ein Sohn des Fabrikanten L. Narjes hierselbst geboren. Er verlebte hier die Jahre seiner Jugend und genoss seine Ausbildung auf dem hiesigen Gymnasium. Nachdem er sodann sich dem Kaufmannsstande und insbesondere den Fabrikationszweigen der Textilindustrie gewidmet hatte, übernahm er im Jahre 1867 gemeinsam mit seinem Bruder das Geschäft seines Stiefvaters, des Kommerzienrats Langschmidt, in welchem ihm vornehmlich die Leitung der Tuchfabrik zufiel.
Im Jahre 1868 wurde er in das Bürgervorsteherkollegium berufen, welchem er lange Zeit als Worthalter vorgestanden hat, und im Jahre 1885 wurde er zum Senator gewählt. Er hat mithin 32 Jahre lang den städtischen Kollegien angehört.
Während dieser langen Zeit hat der Verstorbene einen großen Teil seiner Arbeitskraft und seiner außergewöhnlichen Befähigung mit selbstlosem Bürgersinn und reichem Erfolge in den Dienst der Stadt Lingen nicht minder wie auch der vom Magistrat verwalteten staatlichen Angelegenheiten gestellt, oft mit Hintansetzung seiner eigenen Interessen. Manches gemeinnützige Unternehmen und manche Verbesserung städtischer Einrichtungen ist in den letzten Jahrzehnten durch seine Mitarbeit erstanden.
Die strenge Unparteilichkeit und die edle Denkungsart des Verstorbenen waren bei jedermann ohne Unterschied des Standes, des Glaubensbekenntnisses oder der politischen Parteizugehörigkeit über alle Zweifel erhaben. Deswegen und durch sein liebenswürdiges offenherziges Wesen hat er in der gesamten Bevölkerung unserer Stadt ein unbedingtes Vertrauen genossen und dadurch auf die Entwickelung der hiesigen öffentlichen Angelegenheiten bis an sein Ende einen gesegneten Einfluss zum Wohle unseres Gemeinwesens ausgeübt.
Mit seinen Angehörigen und seinen Arbeitern, für welche letztere der Entschlafene stets ein warmes Herz hatte, trauern wir, dass ihn der Tod uns allzu früh entrissen hat. Sein Andenken aber wird mit der Geschichte einer aufblühenden Entwickelung unserer Stadt verbunden bleiben und in den Herzen unserer Bürgerschaft fortleben.
Lingen, den 1. März 1900. Magistrat u. Bürgervorsteherkollegium der Stadt Lingen.“

Über die Beerdigungsfeier berichtet dieselbe Zeitung am 7. März:
„Ein imposanter Leichenzug bewegte sich am Sonnabend Nachmittag durch unsere Stadt. Unter Vorantritt der Arbeiter und Angestellten der Firma Langschmidt u. Sohn, denen sich der Posaunenchor des Arbeiter-Bildungs-Vereins sowie der Verein selbst, ferner der Krieger- und Landwehrverein, Schützenverein, Turnverein „Gut-Heil“, Männer Turnverein, Alte Liedertafel, Musikverein, Ruder-Club des Gymnasiums anschlossen, wurden die sterblichen Überreste des Herrn Senators Ludwig Narjes zur letzten Ruhe bestattet. Vor dem Leichenwagen wurde der Orden des Verstorbenen von einem Polizeisergeanten getragen. Hinter dem Leichenwagen folgten die Angehörigen, sodann die städtischen Kollegien, denen sich wohl noch 200 Personen anschlossen. Aus der Menge der Kranzspenden heben wir besonders diejenigen des Bürgervorsteherkollegiums und der Arbeiter und Angestellten hervor. Sein Andenken wird in Ehren bleiben.“

Paul Narjes und die 600-Jahr-Feier der Stadt Lingen 1928

Nach dem Tod des Senators gingen die Geschäfte auf seinen Sohn Paul Narjes über (1870-1937). Es ist deutlich zu erkennen, dass sich Paul geschäftlich und teilweise auch privat aus Lingen zurückzog: Verkauf von Gaswerk (1906) und Bank (1908), kein Wiederaufbau der Wollfabrik nach der Zerstörung 1907, Versteigerung der Grundstücke in der Ludwigstraße 1918. Wir sehen ihn von 1919-1929 als Fabrikanten einer mechanischen Bandweberei in Barmen, also in der Nähe seiner Verwandtschaft mütterlicherseits (Wuppertal/Elberfeld). Seine Textilfabrik in Barmen scheint im Zuge der Weltwirtschaftskrise untergegangen zu sein, jedenfalls verbrachte er seinen Lebensabend in der Villa am Langschmidtsweg, der inzwischen auf seinen Antrag hin in Erinnerung an seinen Stiefgroßvater so benannt worden ist.
Die Stadt Lingen war Paul Narjes 1928 anlässlich der 600-Jahrfeier zu größtem Dank verpflichtet, weil er den Kivelingen den Hof des Drostenhauses mitsamt dem weiträumigen Narjes-Park[18] für die „Historische Heimatschau“ angeboten hatte.[19] „In liebenswürdigster Weise stellte der Besitzer alles zur Verfügung. Sah es manchmal so aus, als ob die geplanten Änderungen an einzelnen Gebäudeteilen über das Maß des Erlaubten hinausgingen, so wurde uns die tröstliche Antwort: ‚Machen Sie, was Sie wollen, aber machen Sie es gut!‘. Es sei daher auch hier Herrn Narjes, der selbst alter Kiveling ist, für seine Bereitwilligkeit und Großzügigkeit der herzlichste Dank abgestattet.“ (LKB, 2.9.1928)
Nahezu schwärmerisch beschreibt Georg Köhne in der Rückschau auf die 600-Jahrfeier den Park (Kivelingszeitung 1931, 3. Blatt): „Nicht viele Orte im weiten deutschen Land können Gleichartiges bieten. Alte Obstbäume, die schon der eisernen Stütze bedürfen, herrliche Ulmen und Linden, efeuumranktes Gemäuer, lauschige Laubengänge und wohlgepflegter Rasen – kurz, über allem liegt der Zauber eines idyllischen Ruhepunktes mitten im Verkehrstrubel der Neuzeit.“ Tatsächlich war die Heimatschau ein Publikumsmagnet. Etwa 10.000 Menschen haben die Veranstaltungen damals in Lingen besucht.
1935 knüpfte NS-Bürgermeister mit den „Heimattagen der Kivelinge“ an diesen Erfolg an. Das passende Ambiente lieferte wiederum der Narjes-Park.
„Ja, noch einmal sollte den Kivelingen am letzten Donnerstagabend der Aufenthalt im idyllischen Park von Narjes für einige Stündchen gestattet sein. Noch einmal sollte der einzelne Helfer an den durchgeführten Heimattagen den Zauber und die Romantik dieses herrlichen Fleckchens Erde in sich aufnehmen, noch einmal die stimmungsvolle Musik unserer Kapelle vom heimischen Bataillon genießen (…) An diesem Abend, der den etwa 200 Mitwirkenden der Heimatschau gewidmet war, beleuchteten die vom Installateur und Kiveling Jöbken Spiegelberg versteckt zwischen dem Grün der Bäume und Ziersträucher aufgehangenen gelben und weißen Ampeln noch einmal eine frohgestimmte Volksmenge.
An diesem Abend ließ man den Blick zurückschweifen über die nach jeder Richtung hin glänzend verlaufene heimatliche Veranstaltung. Worte des Dankes richtete man u. a. vornehmlich an den Besitzer des Parkes, Herrn Paul Narjes, der in uneigennütziger Weise den Kivelingen Hof und Gelände zur Verfügung gestellt hat.“ (LVB, 7.8.1935)

Zwei Jahre später verstarb Paul Narjes im Alter von 66 Jahren. Beigesetzt wurde er in der Familiengruft auf dem Alten Friedhof im Schatten der etwas erhöhten Rotbuche.
Inge Dlugay hat die Grablege 1954 noch kurz beschrieben: „Auf der gegenüberliegenden Seite (der Grabstätte der Familie „zum Sande“) hat die Familie Narjes ihre Ruhestätte. Ein Engel, gestützt auf sein Schwert, wacht wohl über den Frieden der Verstorbenen, den er den Lebenden nicht erhalten konnte. Ja, bei ihren Kämpfen wurde er selbst sogar schwer beschädigt. Ein abgeknickter Lebensbaum aus Stein und ein betendes Engelchen im Vordergrund mahnen uns, dass der Tod auch vor der blühenden Jugend und dem zarten Kinde nicht haltmacht.“[20]
Etwa Ende der 1980er Jahre haben die Erben Narjes die Familiengrabstätte einebnen lassen. Den Engel nahmen sie mit.[21]

Die Erben Narjes

Letzter Spross der Lingener Narjesverzweigung war Tochter Ruth (1901-1985). Sie unterrichtete 1933 als Französischlehrerin in Marburg, heiratete um 1940 den Regierungsrat Daniel Honsberg und lebte im Rheinland. Mit Ehemann und Sohn fand sie ihre letzte Ruhestätte auf dem Neuen Friedhof in Bonn/Kessenich.[22]
Nach der Zerstörung des fast 300 Jahre alten Drostenhauses im Frühjahr 1945 blieb der Platz viele Jahre lang wüst. 1967 verkaufte Ruth Honsberg, geb. Narjes, als Erbin das Grundstück an den Handelsvertreter Karl-Heinz Sparre. Heute steht auf dem zentralen Platz die Parfümerie Douglas.

 Anmerkungen 

[1] Benno Vocks (2015), S. 129 f. und 134 f.

[2] Ausführlich über Langschmidt: M. Fickers (2019), S. 259-266.

[3] Verwandtschaftliche Verflechtungen Narjes und Langschmidt

[4] Das Drostenhaus um 1900 und um 1930, Fotos: Stadtarchiv Lingen

[5] Das Drostenhaus im 20. Jahrhundert, Foto: Stadtarchiv Lingen

[6] s. H. Linnemann (2002), S. 51 ff.

[7] Lage von Wollfabrik und Villa um 1875.

[8] v. Beesten, S. 45 f.

[9] Wollwarenfabrik, aus: M. Fickers, S. 261.

[10] Villa Narjes, Foto: Stadtarchiv Lingen

[11] Gasanstalt um 1880, Foto: Stadtarchiv Lingen

[12] s. Cl. Honnigfort, S. 286-299.

[13] Vgl. M. Fickers, S. 263

[14] Auszug Stammbaum Narjes

[15] Fabrik Narjes-Bender in Essen/Kupferdreh, aus: https://www.waz.de/staedte/essen/article210039113/die-kupferdreher-strasse.html

[16] Wohnhaus von Otto Narjes in der Lookenstraße 14, Foto: Stadtarchiv Lingen

[17] s. Anm. 14

[18] Der weiträumige Narjes-Park.

[19] Stilisiertes Foto: Blick durch den Machuriusbogen in den Narjes-Park, Foto: Emslandmuseumn Lingen

[20] I. Dlugay (1954), S. 84

[21] Foto (M. Hüsken) aus der Sammlung der Friedhofskommission Lingen

[22] https://de.findagrave.com/memorial/228452460/ruth-honsberg

Quellen und Literatur:

Beesten, Werner von: Beiträge zur Chronik der Stadt Lingen, Lingen 1880.

Dlugay, Inge: Der alte Friedhof zu Lingen/Ems, in: Lingener Heimatkalender 1954, Hg.: Heimat- und Verkehrsverein Lingen.

Fickers, Manfred: J. L. Langschmidt, in: Emsländische Geschichte 26 (2019), S. 259-266.

Honnigfort, Clemens: Wietmarschen, Bad Bentheim 1994.

Linnemann, Hilko: Historische Möbel des Emslandes vor 1850, Diss. Münster 2002.

Vocks, Benno: Lingen wegweisend, Ahlen 2015.

Nachlass Narjes/Langschmidt im Stadtarchiv

Lingener Volksbote (LVB), Lingener Wochenzeitung (LWZ), Lingensche Kreiszeitung (LKZ)

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