Archivalie des Monats Juli 2024

von Dr. Mirko Crabus

Clusorth-Bramhar entstand am Ostrand des Ochsenbruchs, eines im 19. Jahrhundert kultivierten Niedermoors, das sich von Lingen bis nach Teglingen erstreckte. Die wirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten des Ochsenbruchs waren beschränkt, er begünstigte aber insbesondere die Zucht von Gänsen und das Fangen von Enten. Die Bramhaar, dem Namen nach eine mit Gestrüpp (im engeren Sinne mit Ginster) bewachsene Höhe, bildete die Grenze zwischen den Ämtern Meppen und Lingen. Eine Grenzkarte von 1564 bezeichnet ausdrücklich einen Grenzpfahl auf der Bramhaar („pael up der Bramhaer“). Entsprechend der ungünstigen Lage erfolgte die Besiedlung weiträumig und wohl erst im Spätmittelalter. Nicht umsonst verweist der Hofname Klus auf einen Einsiedlerhof.

In der „Beschrivinge“ (1555-1592) firmieren weder Clusorth noch Bramhar als eigene Bauerschaften. Die dortigen Höfe – fünf Halberben, fünf Brinksitzer, aber kein einziges Vollerbe – finden sich unter jenen des Kirchspiels Bawinkel, das, so die „Beschrivinge“, keine Bauerschaften habe. Der namensgebende Hof von Clusorth war der einstmals mit einer Gräfte umgebene Hof Klus. Dass Johan Kluis 1555 als Vogt des Kirchspiels Bawinkel auftritt, unterstreicht die vorgehobene Stellung des Hofes. In Bramhar hingegen erscheint neben vier Brinksitzern lediglich ein Halberbe, der direkt auf der Grenzlinie liegende Hof Braem. Ein Landvermessungsprotokoll von 1605 nennt unter der Rubrik „auf der Bramhaar“ dann die Halberben Korte und Bram mit sieben Brinksitzern sowie ohne eigene Rubrik das Halberbe Cluis mit vier Brinksitzern.

Im nördlichen Teil der Bramhaar und damit auf Münsterischem Gebiet entwickelte sich die Bauerschaft Bramhar-Meppen, die sich erstmals 1480 belegen lässt. Wie zwischen Biene und Geeste kam es auch zwischen beiden Bramhars zu Streitigkeiten, die noch im 19. Jahrhundert eine Vereinigung beider Schulen scheitern lassen sollten. Mitte des 17. Jahrhunderts umfasste der Bawinkeler Schützenverein sämtliche Kirchspielgemeinden. Schließlich trennte man sich jedoch mit Bawinkel und Plankorth auf der einen Seite, Clusorth, Bramhar und Bramhar-Meppen auf der anderen.

Clusorth und Bramhar entwickelten sich zu zwei eigenständige Bauerschaften mit je eigenem Vorsteher, wurden aber in französischer Zeit (1806-1813) per Verordnung zu einem Gemeindebezirk zusammengelegt. Für das Jahr 1816 lässt sich erstmals die Amtseinführung eines für beide Bauerschaften zuständigen Ortsvorstehers belegen. Orientierten sich die Schüler zunächst nach Bawinkel, wenn nicht sogar nach Bramhar-Meppen, gibt es Ende des 18. Jahrhunderts erste Anzeichen für eine eigene Schule. Der Unterricht fand zunächst im Backhaus des Bauern Lüken statt. 1820 dann wurde in Bramhar ein eigenes Schulgebäude errichtet, ein Neubau erfolgte 1891. Im Laufe des 19. Jahrhunderts stiegen die Bevölkerungszahlen von 332 (1816) auf 449 (1900).

1897 gründete sich die Genossenschaft Clusorther Mühle, die in Hopsten eine Mühle erwarb und in Clusorth wieder aufbaute. Die Mühle wurde ab 1921 privat weitergeführt und stellte 1961 den Betrieb ein. 1904 erhielt Clusorth Anschluss an die Kleinbahn Lingen-Berge-Quakenbrück, mit der insbesondere Kundstdünger angeliefert werden konnte.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieg wurden in Clusorth-Bramhar 55 Männer eingezogen. Im Juni 1915 brachte die Kleinbahn 22 französische Kriegsgefangene, die im Schulgebäude unter Aufsicht gestellt wurden und tagsüber auf den umliegenden Höfen arbeiten mussten. Das ebenfalls als Kriegsgefangenenlager genutzte, 1910 errichtete Festzelt des Schützenvereins brannte 1918 ab. Am Ende des Krieges hatte die Gemeinde 24 tote Soldaten zu beklagen.

Clusorth-Bramhar gehörte zur NSDAP-Ortsgruppe Bawinkel, die im Juni 1934 mit rund 1200 Besuchern in Bramhar ihre Fahnenweihe feierte. Ab 1937 wurde die Ortsgruppe von dem Bramharer Landwirt Wilhelm Driever geleitet. Als Bürgermeister lässt sich 1938 der Clusorther Landwirt Hermann Wübbels (NSDAP) nachweisen. Auch der Schreiber der Schulchronik sympathisierte mit dem Nationalsozialismus und verkündete zur Scheinwahl des Reichstags 1938: „Auch in unserer Gemeinde gab es für den Führer ein einstimmiges ‚Ja‘.“

Mit Kriegsbeginn wurden 24 Gemeindemitglieder zur Wehrmacht einberufen und 54 Flüchtlinge aus Wilhelmshaven für drei Wochen aufgenommen. 1940 begann der Einsatz von Zwangsarbeitern. Neben polnischen Zwangsarbeitern vor Ort kamen täglich belgische aus einem Lager in Bawinkel. Für serbische Kriegsgefangene wurde 1941 ein Lager auf dem Hof von Wilhelm Driever errichtet, sie wurden im April 1942 von französischen Gefangenen abgelöst. Die gegen Kriegsende von der örtlichen NSDAP-Führung am Ortseingang errichtete Panzersperre war wirkungslos. Ohne größere Gegenwehr wurde Clusorth-Bramhar am 8. April 1945 von Engländern besetzt. Bereits am 11. April zogen sie weiter. Später wurde der Ort mit polnischen Truppen belegt. 26 Gemeindemitglieder hatten im Krieg den Tod gefunden.

Nach Kriegsende stiegen auch in Clusorth-Bramhar die Bevölkerungszahlen. So wurde 1956 die Marienkapelle eingeweiht. Im Glockenturm wurde die 1893 vom Imker Witschen gestiftete und deshalb so benannte „Honigglocke“ aufgehangen. In der Folge wurde auch ein Friedhof angelegt. Um der durch die Kultivierung der Landschaft zunehmenden Bedrohung der Vogelwelt zu begegnen, wurde 1959 das verlandete Moor „Herrenkuhle“ renaturiert. 1964 entstand als erstes Neubaugebiet der „Rosengarten“, weitere sollten folgen und ließen die Gemeinde immer mehr zusammenwachsen.

Am 17. März 1967 beschlossen die Gemeinderäte von Clusorth-Bramhar, Duisenburg, Plankorth und Bawinkel die Gründung der Samtgemeinde Bawinkel mit insgesamt 2300 Einwohnern. Angesichts der Diskussionen um eine allgemeinen Gemeindereform warb man außerdem um den Beitritt von Bramhar-Meppen und Klosterholte, favorisierte aber schließlich den Anschluss an eine Nordgemeinde „Holthausen“. Im März 1974 wurde Clusorth-Bramhar dann doch ein Ortsteil der Stadt Lingen.

 

Quellen und Literatur

  • NLA OS, Rep 980, Nr. 13448 und Nr. 14455.
  • StadtA LIN, Fotosammlung, Nr. 2301.
  • StadtA LIN, Fotoserien, Nr. 1001/279.
  • StadtA LIN, Karten und Pläne, Nr. 50.
  • StadtA LIN, Sammlung Schulchroniken, Nr. 37.
  • Eiynck, Andreas: Siedlungsentwicklung und Kulturlandschaft. Dörfer im südlichen Emsland und angrenzenden Orten in der Grafschaft Bentheim, Lingen 2014.
  • Haus der Vereine e.V. Clusorth-Bramhar (Hg.): Hof- und Heuerstellen in Clusorth-Bramhar, Werlte 2017.
  • Schriever, Ludwig: Geschichte des Kreises Lingen, Lingen a.d. Ems 1905/1910.
  • Schützenverein Clusorth-Bramhar/ Bramhar-Meppen (Hg.): 300 Jahre Schützenverein Clusorth-Bramhar und Bramhar-Meppen 1697-1997, Werlte 1997.
  • Taubken, Hans: Die Beschrivinge der Niedergrafschaft Lingen. Ein landesherrliches Einkünfteverzeichnis aus den Jahren 1555 bis 1592 (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 2), Bielefeld 1999.
  • Tenfelde, Walter: Zur Geschichte des Kirchspiels Bawinkel, Lingen (Ems) 1982.

 Abb. 1: „Gruß aus Bramhar“. Ansichtskarte um 1955.

 Abb. 2: Koje für den Entenfang in Bramhar (1917)

 Abb. 3: Die 1962 umgebaute Lehrerdienstwohnung.

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