Archivalie des Monats Januar 2011

von Dr. Stephan Schwenke

Als Höhere Töchterschule oder auch als Lyzeum bezeichnete man früher eine Mädchenschule als Vorläufer des späteren Mädchengymnasiums. Die Unterrichtsziele orientierten sich dabei an den Erziehungsidealen des 19. Jahrhunderts, vermittelte den Mädchen eine „allgemeine geistige Bildung“ und bereitete sie gleichzeitig auf ihre späteren häuslichen Pflichten als Gattin und Mutter vor. Der Begriff „Höhere Töchterschule“ wurde dabei oft missverstanden und als Schule für höhere Töchter, sprich für Mädchen aus „gutem Haus“, fehlinterpretiert.

Töchterschule im Haus der Witwe Hülmann

Auch in Lingen hat es eine solche städtische Töchterschule gegeben, die ihren Ursprung in der evangelischen Töchterschule und der katholischen höheren Töchterschule hatte. Zunächst hatte es in Lingen eine gemeinsame höhere Schule für Mädchen gegeben, in der Kinder aller Konfessionen Aufnahme fanden. 1862 wurde von Frau Hülmann im Haus der Witwe Hülmann die katholische höhere Mädchenschule gegründet. Die Anzahl der Schülerinnen betrug am Anfang ca. 20, in den folgenden Jahren 30-40. Parallel dazu existierte die evangelische Töchterschule unter dem Namen „ältere höhere Töchterschule“ fort. Es handelte sich dabei um ein Privatinstitut, dessen Ausgaben durch die aufkommenden Schulgelder bestritten wurden. Das Schulgeld betrug 84 Mark jährlich, aufgenommen wurden Schülerinnen aller Konfessionen ab dem 9. Lebensjahr. Durchschnittlich besuchten ca. 35 Schülerinnen die Schule.

Abnehmende Schülerinnenzahlen Anfang des 20. Jahrhunderts führten dazu, dass man über einen Zusammenschluss der beiden Schulen nachzudenken begann. Vor allem der Vorstand der katholischen Töchterschule wehrte sich zunächst gegen diesen Plan, musste aber einsehen, dass ein Fortführen des Schulbetriebs aufgrund der steigenden Ausgaben bei sinkenden Besuchszahlen nicht rentabel war. 1908 wurde bei der Königlichen Regierung der Antrag auf Gründung einer städtischen höheren Töchterschule gestellt. Dem Antrag wurde von der Regierung stattgegeben. Zu den Unterhaltskosten der neu einzurichtenden städtischen höheren Töchterschule „auf paritätischer Grundlage“ bewilligte man aus dem Hannoverschen Klosterfonds 1200 Mark. Gleichzeitig ordnete der Minister an, die den beiden höheren Privatmädchenschulen bisher aus dem Klosterfonds bewilligten Zuschüsse von zusammen 1050 Mark auf die neu zu errichtende Mädchenschule zu übertragen. Somit standen der städtischen Mädchenschule an staatlichen Zuschüssen jährlich 2250 Mark zu.

Vorsteherin war Clara Eylert

Am 21.4. 1909 bezog die städtische Mädchenschule in das Gebäude der ehemaligen evangelischen Mädchenschule an der Hafenstraße. Die Räumlichkeiten waren beengt, da sich in dem Gebäude noch mehrere Wohnungen befanden. Eine davon bezog die Vorsteherin Clara Eylert, die bis 1937 Leiterin der Schule blieb und das Leben an der Schule entscheiden prägte. Aufgrund des Ausbruchs des 1. Weltkrieges musste das Gebäude 1915 geräumt werden und die Schule bezog neue Räumlichkeiten am Pferdemarkt. 1918 erfolgte der Umzug in die Kastellstraße, wo man ein Zimmer zugewiesen bekam. Erst 1919 konnte man wieder in das alte Gebäude an der Hafenstraße einziehen. In den folgenden Jahren pendelte die Schule ständig zwischen Hafenstraße, Pferdemarkt und dem katholischen Gesellenhaus.

 

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