Der fremde Besucher in Gersten

Von Horst Heinrich Bechtluft

Gersten (EL) – Bernhard Benedixen stammt aus Gersten. Eine alte Fotografie hat es ihm angetan. Als Schüler entdeckt er das vergilbte Bild. Es zeigt die Familie der Urgroßeltern. Neben seiner Großmutter, der jungen Frau auf dem Foto rechts, steht ein Unbekannter. Wer ist der Fremde?

Bernhard-Benedixen-1966-2024

Geheimnis um die Fotografie

Der historisch interessierte Gymnasiast fragt seine Mutter. Sie hat irgendwann gehört, der junge Mann sei als Kriegsgefangener im Krieg 1914–18 auf dem Hof gewesen: „Alexander war ein Russe und – na ja, wie soll man es ausdrücken – ein ‚Bekannter‘ der Großmutter“. Als Bernhard fragt, lebt seine Großmutter nicht mehr. Zarte Verbindungen zu dem Fremden sind nicht auszuschließen. Es bleibt ein Geheimnis um die Fotografie.

Gedenktafeln in Gersten

Der russische Besucher

2008 veröffentlicht der Emsländer, der inzwischen in Köln Politik und Religion lehrt, sein Erinnerungsbuch „Der russische Besucher“. Ich spreche mit ihm über das Titelfoto. Uns fällt auf, dass der Mann mit Schlips, hohem Kragen („Vatermörder“) und mit Anzug und Hut angetan ist. So sieht eigentlich kein Kriegsgefangener aus… Und was soll die lange Reservistenpfeife bedeuten? Wir überlegen hin und her. – 2024 stirbt Bernhard Benedixen. Jetzt fällt mir sein Buch wieder ein – und die Geschichte des Besuchers!

Der-ukrainische-Staatschef-Skoropadskyi

Vertragsabschluss zum „Brotfrieden“

Alexander, der Kriegsgefangene auf dem Hof Benedixen in Gersten, war vielleicht gar kein Russe. Vielleicht war er ein ukrainischer Soldat der russischen Armee. Im Frühjahr 1918 schließen das Deutsche Reich und der neugegründete Staat Ukraine den „Brotfrieden“. Die Ukrainer sollen Getreide an das hungernde Deutschland liefern. Dafür bezahlen die Deutschen mit Waffen zum Kampf gegen Russland, gegen die „Bolschewiki“.

Eine Ausstellung in Lingen erinnert 2014 an den 1. Weltkrieg

Historische Hintergründe des derzeitigen Ukraine-Krieges

Militärisch waren die Ukraine und Deutschland jetzt Verbündete, Das könnte das Herausputzen des jungen Mannes und die traditionelle Reservistenpfeife bei seiner Entlassung erklären. – Letztlich wird die Ukraine dann doch Teil der bolschewistischen Sowjetunion (1922). Erst 1991 erlangt sie wieder staatliche Unabhängigkeit. Die Geschichte vom „russischen Besucher“ 1918 im Emsland erinnert an historische Hintergründe des derzeitigen Krieges Russlands gegen die Ukraine.

Der Text erschien im „EL-Kurier“ vom 21. Februar 2026

Abbildungen:
Der fremde „Besucher“ (rechts) bei Familie Benedixen; Foto: Horst Heinrich Bechtluft
Bernhard Benedixen (1966 – 2024); Foto: Horst Heinrich Bechtluft
Gedenken der Gefallenen von Gersten in der Kirche; Foto: Horst Heinrich Bechtluft
Der ukrainische Staatschef Skoropadskyi 1918 im Großen Deutschen Hauptquartier. Wikimedia Commons – Foto
Eine Ausstellung in Lingen erinnert 2014 an den 1. Weltkrieg, Emsland-Museum Lingen, 2014

Anmerkung:  Den Spuren des russischen Kriegsgefangenen Alexander aus Dohren folgten die Mitglieder des Arbeitskreises Lingener Familienforscher im Lingener Stadtarchiv im April 2005. Die beiden Organisatoren der Veranstaltung Dr. Ludwig Remling und Joachim Schulz hatten den Historiker Bernhard Benedixen aus Essen eingeladen.

 

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